Sie halten Ihr Pferd im Offenstall oder in der Box und fragen sich, wie Sie die Fütterung so gestalten, dass sie wirklich artgerecht ist. In unserer täglichen Beratung und therapeutischen Arbeit sehen wir immer wieder. Viele Beschwerden entstehen nicht, weil „zu wenig“ gefüttert wird, sondern weil Fütterung, Haltung und Alltag nicht sauber zusammenpassen. Verdauungsprobleme, Unruhe, Magenthemen, Leistungsabfall oder Stoffwechselbelastungen sind häufige Folgen.
Denn Offenstallhaltung ist nicht automatisch artgerecht und Boxenhaltung nicht automatisch falsch. Entscheidend ist, ob das Fütterungsmanagement die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes respektiert und ob es zur individuellen Situation passt.
Was ist der Unterschied zwischen Offenstallfütterung und Boxenfütterung?
Der grösste Unterschied liegt weniger im Futter selbst, sondern in den Rahmenbedingungen:
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Fütterungszeiten und Fresspausen (wie lange kann das Pferd Raufutter aufnehmen?)
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Bewegung und Aktivität (Stoffwechsel, Verdauungstrakt, Energiebedarf)
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Futterzugang und Futterneid (rangniedrige Pferde, Stress, ungleichmässige Futteraufnahme)
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Kontrolle über Futtermengen (Box ist leichter steuerbar, Offenstall oft schwerer messbar)
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Umweltfaktoren (Witterung, Wasseraufnahme, Stallklima, Stresslevel)
Artgerechte Pferdefütterung bedeutet in beiden Systemen: viel strukturreiche Rohfaser, möglichst wenige lange Pausen, passende Energiezufuhr und eine gezielte Mineralstoffversorgung.
Die Basis in beiden Haltungsarten: Raufutter, Raufutter, Raufutter
Raufutter bleibt immer das Fundament. Hochwertiges, staubarmes, schimmelfreies Heu (und je nach Betrieb Stroh als Strukturergänzung) stabilisiert Verdauung, Verhalten und Magengesundheit.
Richtwert: mindestens 1,5 bis 2 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht pro Tag, verteilt über den Tag. In der Praxis ist vor allem eines entscheidend: Fresspausen vermeiden. Lange Pausen können Stress fördern, Magensäureprobleme begünstigen und den Stoffwechsel belasten.
Offenstallfütterung: Worauf Sie besonders achten sollten
Im Offenstall scheint es auf den ersten Blick einfacher, weil Pferde sich mehr bewegen und oft länger Zugang zu Heu haben. In der Praxis gibt es jedoch typische Stolpersteine.
1) Heuzugang ist nicht gleich Heuaufnahme
Wenn mehrere Pferde zusammen stehen, entscheidet häufig die Rangordnung. Rangniedrige Pferde fressen oft zu wenig oder zu unruhig, auch wenn „genug Heu da ist“.
Achten Sie auf Hinweise wie:
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Pferd steht oft abseits, wartet, frisst hektisch
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Gewichtsverlust trotz vermeintlich ausreichendem Heu
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Unruhe, schreckhaftes Verhalten, Magenthemen
2) Slowfeeder sinnvoll nutzen
Slowfeeder können helfen, Fresszeiten zu verlängern und Pausen zu reduzieren. Wichtig ist jedoch:
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genug Fressplätze, damit kein Dauerstress entsteht
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passende Maschenweite (nicht zu klein bei sehr gierigen Pferden)
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regelmässige Kontrolle, ob alle Pferde wirklich fressen
3) Weidegras und Wetter realistisch einplanen
Im Offenstall schwanken Energiebedarf und Wasseraufnahme oft stark mit Witterung, Untergrund und Bewegung. Kalte Tage, Matsch oder Eis können den Bedarf verändern. Gleichzeitig wird die Heuaufnahme teils ungleichmässig.
Unser Grundsatz: Nicht nach Kalender füttern, sondern nach Körperkondition, Verhalten und Verdauung.
4) Kraftfutter im Offenstall: oft zu viel, oft zu unspezifisch
Viele Offenstallpferde bekommen Kraftfutter „vorsorglich“ oder „weil es alle bekommen“. Wenn Energie nicht gebraucht wird, belastet das den Stoffwechsel.
In vielen Fällen sind gezielte Mineralstoffe und bedarfsgerechte Raufuttergestaltung der bessere Hebel als zusätzliche Energie.
Boxenfütterung: Was für die Verdauung entscheidend ist
In der Box ist die Fütterung besser kontrollierbar. Gleichzeitig entsteht hier oft das grösste Risiko für ungünstige Fresspausen.
1) Lange Fresspausen sind der Klassiker
Wenn morgens und abends grosse Heumengen gegeben werden, entsteht dazwischen oft eine lange Zeit ohne Raufutter. Das ist für den Pferdemagen ungünstig.
Sinnvoll sind:
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mehrere Heugaben über den Tag verteilt
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Heunetze/Slowfeeder zur Verlängerung der Fresszeit
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wenn möglich: späte Heugabe oder automatisierte Heuraufen
2) Bewegung muss fütterungsseitig mitgedacht werden
Wenig Bewegung kann den Stoffwechsel träger machen. Gleichzeitig bekommen manche Boxpferde Futter wie ein Sportpferd, obwohl sie im Alltag zu wenig Reize und Training haben.
Hier lohnt sich eine ehrliche Einordnung:
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Wie viel Bewegung hat das Pferd wirklich?
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Wie ist die Körperkondition?
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Braucht es Energie oder eher Stabilität?
3) Staub und Stallklima beeinflussen mehr als man denkt
Staubiges Heu oder ein trockenes Stallklima können Atemwege belasten und Stress im Körper erzeugen. Das hat indirekt auch Einfluss auf Verdauung und Immunsystem.
Qualität und Lagerung des Raufutters sind deshalb in Boxenhaltung besonders wichtig.
Mineralstoffe und Spurenelemente: in beiden Systemen gezielt statt pauschal
Egal ob Offenstallhaltung oder Boxenhaltung: Eine ausgewogene Mineralstoffversorgung ist essenziell. Mangel oder Ungleichgewichte zeigen sich oft schleichend, zum Beispiel über:
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stumpfes Fell, Hautthemen
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brüchige Hufe
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Verspannungen, Leistungstiefs
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schlechte Regeneration oder Infektanfälligkeit
Statt „irgendwas“ zu füttern, ist eine individuelle Betrachtung sinnvoll. Je nach Situation kann eine Futterberatung oder eine Analyse helfen, die Versorgung sauber auszurichten.
Wie Sie erkennen, ob die Fütterung zur Haltung passt
Unabhängig vom System lohnt sich ein regelmässiger Blick auf diese Punkte:
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Körperkondition (nicht nur Gewicht, auch Muskulatur)
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Kotbild (Konsistenz, Geruch, Regelmässigkeit)
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Fressverhalten (ruhig, konstant, oder hektisch/pausig)
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Trinkverhalten und Schleimhäute
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Verhalten (Unruhe, Gereiztheit, „nicht abschalten können“)
Wenn sich hier schleichend etwas verändert, ist Fütterung oft ein zentraler Ansatzpunkt.
Fazit: Offenstallhaltung oder Boxenhaltung – artgerecht ist, was bedarfsgerecht ist
Die Haltungsform gibt den Rahmen vor, aber die Fütterung entscheidet, ob dieser Rahmen für Ihr Pferd wirklich passt. Offenstallhaltung kann viel erleichtern, bringt aber Management-Themen wie Konkurrenz und ungleichmässige Aufnahme mit sich. Boxenhaltung bietet Kontrolle, erfordert aber ein besonders gutes Pausenmanagement und eine ehrliche Einordnung von Bewegung und Energiebedarf.
Sie möchten Ihre Offenstall- oder Boxenfütterung optimieren und sind unsicher, ob Ihr Pferd wirklich passend versorgt ist? Wir helfen Ihnen gerne mit einer individuellen Futterberatung bei TIER IM MITTELPUNKT.
Häufig gestellte Fragen
Wie kann ich sicherstellen, dass mein Pferd im Offenstall ausreichend Heu aufnimmt?
Im Offenstall entscheidet häufig die Rangordnung darüber, wie viel Heu jedes Pferd tatsächlich frisst. Um sicherzugehen, dass auch rangniedrige Pferde genügend Raufutter aufnehmen, sollten Sie auf Anzeichen wie Gewichtsverlust, hektisches Fressverhalten oder ständiges Abseitsstehen achten. Slowfeeder und ausreichend viele Fressplätze sind wichtige Möglichkeiten, um die Fresszeiten zu verlängern, Futterneid zu reduzieren und Stress zu vermeiden.
Welche Besonderheiten gibt es bei der Kraftfuttergabe im Offenstall?
Im Offenstall ist die individuelle Kontrolle der Kraftfuttermengen oft schwieriger als in der Boxenhaltung. Viele Pferde erhalten Kraftfutter aus Gewohnheit, obwohl der tatsächliche Energiebedarf nicht immer gegeben ist. Es ist daher wichtig, die Fütterung bedarfsgerecht und auf die Bewegung sowie das Alter des Pferdes abgestimmt zu gestalten. Eine gezielte Mineralstoffversorgung kann oft sinnvoller sein, um den Stoffwechsel zu entlasten und Krankheiten vorzubeugen.
Warum sind Fresspausen für Pferde problematisch und wie vermeide ich sie?
Lange Fresspausen sind für den empfindlichen Pferdemagen problematisch, da die kontinuierliche Produktion von Magensäure ohne ausreichende Futteraufnahme die Magenschleimhaut reizen kann. Um dies zu vermeiden, sollte das Pferd über den Tag verteilt mehrere kleine Portionen Raufutter erhalten, sodass keine Pausen von mehr als vier Stunden entstehen. Eine artgerechte Offenstallfütterung berücksichtigt diese Grundregeln und unterstützt eine gesunde Verdauung.
Wie beeinflusst die Bewegung im Offenstall den Futterbedarf meines Pferdes?
Pferde im Offenstall bewegen sich in der Regel deutlich mehr als Pferde in der Boxenhaltung, was den Energiebedarf erhöht. Gleichzeitig können Witterung und Weidegang die Aktivität und damit den Bedarf an Futter und Wasser stark beeinflussen. Daher ist es wichtig, die Futtermengen und die Qualität des Pferdefutters an die aktuelle Bewegung, die Jahreszeit (besonders Herbst und Weidesaison) sowie an die individuellen Bedürfnisse des Pferdes anzupassen, um Unter- oder Überversorgung zu vermeiden.
Was sind typische Anzeichen dafür, dass die Fütterung nicht zur Haltung passt?
Typische Hinweise darauf, dass die Fütterung nicht optimal auf Haltung und Bedürfnisse des Pferdes abgestimmt ist, sind Veränderungen in der Körperkondition (Gewichtsverlust oder -zunahme), unruhiges oder hektisches Fressverhalten, auffälliges Kotbild, verändertes Trinkverhalten oder Anzeichen von Krankheiten und Verletzungen. Pferdehalter sollten diese Signale genau beobachten und gegebenenfalls die Fütterung sowie die Offenstallfütterung anpassen, um das Wohlbefinden und die Gesundheit der Tiere zu sichern.




